24. Februar 2022, später Nachmittag
Nach den Ereignissen der vergangenen Tage fanden wir uns in Mishkas altem MiG-Bunker wieder. Der ehemalige Militärhangar diente mittlerweile als improvisierter Unterschlupf und Operationsbasis. Während Max, Liam, Mishka und der Psoklav im Hangar warteten, besprachen Goran und Rijad im mobilen Hauptquartier die Lage mit dem Kommandeur der Spezialeinheit.
Als beide zurückkehrten, wurden sie von irritierten Blicken empfangen. Die Soldaten verstummten augenblicklich beim Anblick des Psoklavs. Einer fragte missmutig, was genau dieses Wesen eigentlich sei. Rijad lieferte eine knappe Erklärung, die allerdings kaum dazu beitrug, die Verwirrung zu mindern.
Der Kommandeur entschuldigte sich schließlich für das aggressive Vorgehen seiner Männer. Man sei offensichtlich mit falschen Informationen versorgt worden. Daraus entwickelte sich ein kurzes, aber durchaus unterhaltsames Wortgefecht zwischen ihm, Liam und Rijad.
Dann änderte sich die Stimmung schlagartig.Liams Haare stellten sich auf, als hätte sich die Luft elektrisch aufgeladen. Fast gleichzeitig begann der Psoklav zu knurren.
„Ihr verdammten Schwanzlutscher bekommt ja gar nicht mit, was hier passiert.“
Liam kniete sich auf den Boden und legte die Hände auf den kalten Beton. Er lauschte nicht mit den Ohren, sondern mit etwas anderem. Der Kommandeur beobachtete die Szene mit sichtlicher Überforderung. Offenbar gehörten sprechende Wolfswesen und Menschen, die Informationen aus der Erde lasen, nicht zu seinem üblichen Einsatzprofil.
Nach wenigen Sekunden hob Liam den Kopf. Etwas kam auf uns zu. Aus dem Norden. Der Psoklav bestätigte die Wahrnehmung mit einem knappen Nicken. Sofort befahl der Kommandeur seinen Männern, den Hangar zu sichern. Die Soldaten rannten los. Wir folgten ihnen.
Dann ertönte das Horn. Ein einzelner Ton. Tief. Gewaltig. Unnatürlich.
Das Dröhnen schien nicht durch die Luft zu reisen, sondern direkt durch Knochen und Gedanken. Einer der Soldaten brach augenblicklich zusammen. Die anderen verloren sichtbar den Mut und zogen sich zurück. Selbst Max und Rijad standen wie erstarrt und suchten nervös die Umgebung ab.
Goran reagierte als Erster. Er packte den zusammengebrochenen Soldaten und schleifte ihn in den Hangar. Rijad hingegen suchte Schutz in Mishkas Unterschlupf und versuchte sogar, sich unter dessen Feldbett zu verstecken – ein Vorhaben, das an seinen körperlichen Voraussetzungen scheiterte.
Kurz darauf zog ein dichter Nebel auf. Er wirkte falsch. Die Luft wurde feucht und schwer. Jeder Atemzug fühlte sich an, als würde man Wasser einatmen. Sicht und Orientierung verschwanden innerhalb weniger Augenblicke.
Mishka betrachtete Rijads misslungenen Fluchtversuch und grinste. „Lieber mit dem Gesicht zum Feind sterben als mit dem Arsch. “Anschließend begann er seelenruhig, einen Molotowcocktail zusammenzubauen.
Draußen fielen Schüsse.
Der Psoklav wandte sich an Liam. „Wir sollten uns verpissen.“
Zu spät.
Vor dem Hangar wurde einer der Soldaten plötzlich von einer unsichtbaren Kraft gepackt, in die Höhe gerissen und buchstäblich zerrissen. Blut spritzte gegen die Betonwände. Die übrigen Soldaten eröffneten panisch das Feuer. Auf nichts. Oder zumindest auf etwas, das niemand sehen konnte.
Liam begann in einer dunklen, fremden Sprache zu sprechen. Aus dem Boden schossen steinerne Stalagmiten empor. Mit gewaltiger Kraft hoben sie das aus den Verankerungen gerissene Stahltor an und drückten es zurück in seine Führung.
Währenddessen durchsuchte Goran den Hangar. Plötzlich zeigte er nach oben. „Es ist hier drin.“Max und Rijad folgten seinem Finger. Zwischen den Nebelschwaden bewegte sich etwas. Keine klare Gestalt, eher eine Leerstelle in der Wirklichkeit. Dort, wo sie war, wich der Nebel zurück. Für einen Augenblick sprang das Wesen von einer Position zur anderen und verschwand wieder.
Liam verschloss auch die zweite Hälfte des Hangartors mit weiterem Gestein. Nun war es stockdunkel.
Mishka schaltete eine alte Werkstattlampe ein. Rijad schnappte sich zusätzlich eine Taschenlampe und begann, die Lichtkegel über die Decke wandern zu lassen.
Dann bellte der Psoklav. Ein einzelner Laut. Und plötzlich sahen wir es.
An der Decke hing ein pulsierender Fleischklumpen. Ein unförmiges Geschwür aus Muskeln, Augen und schleimigen Auswüchsen. Dutzende Tentakel wuchsen daraus hervor, während das Ding sich wie eine Spinne über die Stahlträger bewegte.
Die Soldaten eröffneten sofort das Feuer. Das Wesen löste sich von der Decke und krachte auf den Boden. Danach kroch es unter die alte MiG, die mitten im Hangar stand.
Der Psoklav starrte das Ding an. „Das ist ein alter russischer Dämon. Ein Geschwür von Beskos.“
„Vernichtet es!“, rief Liam. „Das ist ein Seuchenherd!“
Rijad warf eine Wasserflasche in Richtung der Kreatur. „Da! Das Mistding sitzt in einer Pfütze!“
Mishka zeigte sofort auf seine Werkbank. „Das lockere Kabel an der Stichsäge!“
Max verstand augenblicklich. Er riss das Stromkabel aus der Maschine, wickelte es kurz auf und schleuderte das Ende in die Wasserpfütze.
Der Generator begann hörbar schwerer zu arbeiten. Einen Augenblick passierte nichts. Dann begann der Fleischklumpen zu rauchen. Er blähte sich auf. Blubberte. Zuckte. Und kollabierte. Der widerliche Körper sackte in sich zusammen und verwandelte sich in eine dampfende Masse aus verbranntem Gewebe.
Liam erklärte uns anschließend, womit wir es zu tun gehabt hatten. Nicht mit einem Dämon im eigentlichen Sinne. Sondern mit einem Fragment. Einem Stück eines Gottes der Seuchen und des Wahnsinns.
Niemand stellte weitere Fragen. Die Soldaten waren bereits mit einem anderen Problem beschäftigt. „Wie kommen wir hier wieder raus?“, fragte einer von ihnen nervös. „Das Team draußen wird angegriffen.“
„Von wem?“, fragte Liam.
Der Psoklav antwortete sofort. „Специальное управление.“ Die Spezialdirektion Dunkelheit.
Ein Name, den wir bis dahin nur aus Gerüchten kannten. Angeblich eine geheime sowjetische Einheit aus Zeiten des Kalten Krieges, gegründet zur Untersuchung und Eindämmung übernatürlicher Phänomene. Die meisten hielten sie für eine Legende. Der Psoklav offenbar nicht.
Bevor jemand nachfragen konnte, erschütterte eine gewaltige Explosion den gesamten Bunker. Der Boden bebte. Staub rieselte von der Decke. Durch die Ritzen der Hangartore drangen glutrote Lichtblitze, Funken und Rauch. Etwas da draußen hatte gerade begonnen.
Und wir saßen mittendrin.
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