Wir fanden uns in dem sterilen Wartezimmer wieder in dem wir schon einmal waren. Tief unter der Einrichtung irgendwo in Bosnien. Der Kontrast zum Chaos des alten Hofs hätte größer kaum sein können. Neonlicht, kahle Wände – und der Geruch von frischem Gulasch, das uns wortlos serviert wurde, während wir versuchten, die Ereignisse zu verarbeiten.
Goran wurde schließlich wieder zu uns geführt. Angeschlagen, aber aufrecht. Und sichtlich verwirrt.
Kurz darauf betrat eine adrette Frau den Raum. Sie stellte sich schlicht als Mom vor. Höflich, kontrolliert – und offensichtlich jemand, der gewohnt ist, die Fäden in der Hand zu halten. Sie bedankte sich für die Übergabe der Daten, auch wenn diese, wie sie sagte, „nicht besonders aufschlussreich“ gewesen seien.
Dann kam sie direkt zur Sache: Der Psoklav würde uns übergeben werden. Außerdem bot sie uns die Unterstützung ihrer Fraktion an. Ihre Informationen waren besorgniserregend – die Scorpioni sind weiterhin in großer Mannstärke aktiv. Woher sie jedoch ihre Ressourcen beziehen, wusste selbst sie nicht.
Rijad erwähnte, dass er einen offiziellen Bericht verfassen müsse – und zeigte sich bereit, diesen bei Bedarf entsprechend zensieren zu lassen.
Liam berichtete derweil von dem Labor in der Monsterhöhle. Besonders hob er ein experimentelles Aetherwellenmikroskop hervor – eine russisch-europäische Koproduktion, entwickelt von Professor Rotorov und Professor Markowitz. Ein Gerät, das dort unten absolut fehl am Platz wirkte.
Rijad notierte alles akribisch und begann sofort mit Nachforschungen. Er kontaktierte kurzerhand die Universität Heidelberg und landete direkt im Vorzimmer von Markowitz. Die Sekretärin, Sonja Biedermeier, versprach, entsprechende Lieferunterlagen herauszusuchen.
Währenddessen versuchte Mom, Goran davon zu überzeugen, seine Vergangenheit bei den Scorpioni zu nutzen. Informationen gegen Loyalität – ein bekanntes Spiel.
Die Antwort aus Heidelberg ließ nicht lange auf sich warten:
Das Mikroskop ist ein Unikat. Es hätte eigentlich in einem Forschungsinstitut in St. Petersburg stehen sollen – unter der Leitung eines Biochemikers namens Morechanu. Stattdessen wurde es über eine rumänische Firma nach Bosnien verschoben. Bestechung spielte dabei offensichtlich eine große Rolle.
Die Spur führte weiter zu einer Briefkastenfirma namens Tudor Technicka in Böhmen, betrieben von Morechanu und einer gewissen Frau Tudor. Die Logistik übernahm Bistritz Rasavit Excelior aus Rumänien – eine Firma mit zweifelhaftem Ruf.
Parallel dazu aktivierte Goran seine eigenen Kontakte. Über die Menschenrechtsorganisation Mischa Imposibilla kam ein Name ins Spiel: Eine Informantin, bekannt als M.H., berichtete von einem möglichen Drahtzieher mit Scorpioni-Tattoo – Cedrim Preda aus Hamburg. Laut ihr existiert ein weit verzweigtes Netzwerk, das Söldner aus unterschiedlichsten Gruppen rekrutiert – Fremdenlegion, Wagner und andere. Beweise fehlen, doch das Bild ist beunruhigend klar.
Mom verabschiedete sich schließlich. Rijad bemerkte später, dass sie – trotz ihrer kühlen Art – durchgehend ehrlich gewesen war.
Dann wurde der Psoklav gebracht.
Ein Astra-Soldat führte das Wesen herein: über zwei Meter vierzig groß, ein aufrecht gehender, zotteliger Wolf mit nur einem Auge. Roh, gefährlich, kaum zu bändigen. Er wandte sich direkt an Goran:
„Etwas war in deinem Kopf.“
Dann schnappte er nach ihm – doch Goran reagierte schneller und verpasste ihm einen sauberen Schlag auf die Nase.
Liam trat vor, setzte den Ring auf und sprach mit fester Stimme:
„Mach Sitz.“
Der Psoklav hielt inne. „Woher habt ihr den Ring?“
Liam erwiderte nur: „Wichtig ist, dass wir ihn haben.“
Nach einem hitzigen Wortwechsel – auf Deutsch, Gälisch und Bosnisch – wurden dem Psoklav schließlich die Handschellen abgenommen. Unter dem Schutz des Rings stellte Liam uns vor. Eine fragile Allianz begann.
Kurz darauf wurden wir zum Helikopter gebracht. Ohne große Worte, ohne weitere Erklärungen. Nur das dumpfe Gefühl, dass die Dinge längst größer geworden waren, als wir sie noch kontrollieren konnten.
Wir starteten im ersten Licht des Morgens. Die Sonne kämpfte sich gerade erst über den Horizont, tauchte den Nebel in ein fahles Orange. Für einen kurzen Moment wirkte alles friedlich – fast trügerisch ruhig.
Etwa zwanzig Minuten später durchbrach Max die Stille: Bewegung am Boden.
Unter uns lag eine gerodete Fläche, wie eine Wunde im Wald. In ihrer Mitte stand ein einzelnes Haus – halb befestigt, halb improvisiert. Und es wurde angegriffen.
Dutzende Pflanzenwesen umzingelten das Gebäude. Ihre Körper waren verdreht, durchzogen von Ranken und wuchernden Auswüchsen. Sie bewegten sich unnatürlich, ruckartig – und doch zielgerichtet. Aus dem Haus heraus flogen Molotowcocktails, Flammen leckten über die Kreaturen, während Schüsse durch den Wald hallten. Die Verteidiger kämpften verzweifelt.
Rijad war der Erste, der es aussprach: “Wir können nicht weiterfliegen, wir könne die nicht im Stich lassen”
Liam reagierte sofort. Mit ruhiger, fast klinischer Präzision begann er, einen Angriffsvektor zu berechnen. Winkel, Geschwindigkeit, Wind – und irgendetwas darüber hinaus, das sich unserer Wahrnehmung entzog.
Max riss den Helikopter herum und ging in den Sturzflug über.
Goran sicherte sich wortlos eine AK, überprüfte Magazin und Kammer mit routinierten Handgriffen. Liam legte die Hand auf die Konsole – und begann erneut in Zungen zu sprechen. Die Rotoren des Helikopters begannen schwach zu flimmern, als würden sie von etwas Unsichtbarem zusätzlich angetrieben.
Dann trafen wir.
Der erste Anflug war verheerend. Max zog die Maschine tief über das Feld, während das Maschinengewehr aufheulte. Reihen von Pflanzenwesen wurden regelrecht niedergemäht, ihre Körper zerrissen, zerfetzt – doch selbst im Fallen wirkten sie noch falsch lebendig.
Goran feuerte kontrollierte Salven aus der Seitentür. Jeder Schuss saß. Weitere Kreaturen brachen zusammen, durchlöchert und zu Boden gerissen.
Liam verstärkte das Bordgeschütz zusätzlich mit seiner Magie. Für einen Moment schien jede Kugel mehr zu sein als nur Metall – sie rissen durch die Ziele, als würden sie deren Existenz selbst angreifen.
Rijad lehnte sich aus dem Helikopter, den Blick fest auf das Schlachtfeld gerichtet. Was er sah, ließ ihn erstarren.
Das waren keine Kreaturen.
Das waren Menschen gewesen.
Zwischen den Ranken erkannte man Fragmente – Gesichter, Hände, Augen, eingefangen in einem Zustand zwischen Leben und etwas anderem. Die Pflanzen hatten sie nicht nur überwuchert. Sie hatten sie verwandelt.
Während Rijad versuchte, sich einen Überblick zu verschaffen, geschah es.
Eines der Wesen richtete sich plötzlich auf. Sein Oberkörper spannte sich unnatürlich nach hinten, als würde etwas in ihm nach außen drängen. Dann brach es hervor.
Eine dicke, pulsierende Liane schoss aus seiner Brust – schnell, zielgerichtet, lebendig.
Direkt auf uns zu.
(Im ersten Anflug werden 4,5 Pflanzenwesen niedergemäht von Max. Goran erledigt mit der AK auch noch 2,5.)
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