Es fing damit an, dass Liam und Rijad versuchten, den Psoklav endgültig auf unsere Seite zu ziehen. Nicht nur als widerwilligen Diener, der durch die Macht des Ringes gebunden war, sondern als echten Verbündeten. Jemanden, der sich aus freien Stücken dazu entschied, mit uns zu kämpfen.
Liam erinnerte sich dabei an sein Wissen über die alten Feenpakte und versuchte herauszufinden, wie man so einen Pakt richtig schließt. Vielleicht gab es einen Weg, den Psoklav an uns zu binden, ohne ihn tatsächlich zu zwingen.
Viel Zeit zum Diskutieren blieb uns allerdings nicht.
Max sah plötzlich drei Gestalten aus dem zerschossenen Schützenpanzer springen. Fast gleichzeitig war ein dumpfer Knall zu hören. Mischka fluchte laut und griff sich an die Schulter. Er war am Arm getroffen worden.
Und dann war da noch etwas anderes.
Etwas, das wir nicht sehen konnten.
Es versuchte, Max zu erwischen, doch irgendwie schaffte er es, dem Angriff im letzten Augenblick auszuweichen.
Während um uns herum bereits die Hölle losbrach, redete Rijad weiter auf den Psoklav ein. Mit Liams Wissen über die alten Feenpakte versuchte er ihm klarzumachen, dass es besser wäre, freiwillig auf unserer Seite zu stehen. Aber zwischen dem Psoklav, dem Beschuss und allem, was um uns herum passierte, verlor selbst Rijad immer wieder den Faden.
Mischka hatte irgendwann genug.
Er zog blank und begann, auf Russisch fluchend in den Wald zu brüllen. Wenn dort draußen jemand auf uns schoss, dann sollte er wenigstens auf ihn schießen und nicht auf die anderen.
Max rannte zu ihm.
„Achtung! Da ist noch so was Unsichtbares!“
Kaum hatte er es ausgesprochen, waren zwei weitere dumpfe Schläge zu hören. Mischka sprang zur Seite – und eine waffenstarrende Drohne schoss nur knapp an ihm vorbei.
Goran reagierte sofort. Trotz seiner Schmerzen warf er eine Blendgranate dorthin, wo wir den unsichtbaren Angreifer vermuteten.
Für einen kurzen Moment glaubten wir, beim Helikopter etwas zu sehen.
Irgendetwas bewegte sich dort.
Max brüllte Mischka zu, er solle auf das Monster bei der Granate schießen. Gleichzeitig schnappte er mit seiner Peitsche nach der Drohne.
Zu unser aller Überraschung funktionierte es.
Vielleicht sogar etwas zu gut.
Plötzlich hing Max an der verdammten Drohne.
Mischka eröffnete währenddessen mit dem MG das Feuer auf das Monster. Eine lange Dauerfeuersalve donnerte durch den Wald.
Liam versuchte trotz des Chaos weiter, Rijad und dem Psoklav die Alten Gesetze aus den frühesten Tagen zu erklären. Rijad griff seine Worte auf. Er machte dem Psoklav klar, dass es nicht nur darum ging, was wir wollten. Die Alten Gesetze selbst verlangten es.
Der Psoklav schwieg eine Weile.
Dann erzählte er Rijad mit grimmiger Miene von einer Freundin aus Kindergartentagen. Sie war während des Bosnischen Bürgerkriegs zu Tode gefoltert worden.
Danach wirkte das alles plötzlich nicht mehr wie eine einfache Verhandlung.
Doch für weitere Worte blieb keine Zeit.
Die Besatzung des Schützenpanzers hatte Max entdeckt und eröffnete das Feuer auf ihn. Noch immer hing er unter der Drohne und schwang hin und her, während die Kugeln an ihm vorbeizischten.
Dann begann die Drohne sich heftig zu schütteln. Max verlor den Halt und stürzte ab.
Fast gleichzeitig krachte wieder ein Schuss.
Mischka wurde am Oberschenkel getroffen.
„Fuck! Wir müssen hier raus oder den verdammten Scharfschützen finden!“
Der Polizist reagierte schneller als wir anderen. Ein kurzer Feuerstoß genügte, und die Drohne kam herunter.
„Der Scharfschütze sitzt dort hinten!“, rief er Max zu.
Als wäre das nicht schon genug gewesen, griff das unsichtbare Monster nach dem Psoklav. Es bekam ihn zu fassen, schleuderte ihn durch die Luft und warf ihn direkt vor uns auf den Boden.
Goran schoss auf das Ding.
Dann kläffte der Psoklav. Und plötzlich konnten wir es alle sehen. Ich weiß nicht, ob es dadurch besser wurde.
Vor uns befand sich ein riesiger, unförmiger Klumpen aus Fleisch und Gewebe. Keine wirkliche Gestalt, kein richtiges Gesicht – nur eine amorphe Masse, aus der sich Tentakel wanden.
Während wir noch versuchten zu begreifen, was wir da eigentlich ansahen, hatten der Polizist und Max bereits einen Plan, den Scharfschützen auszuschalten.
„Ich lenke ihn ab. Du gehst links herum.“
Der Polizist rannte los.
Max bewegte sich in einem weiten Halbkreis auf die Position des inzwischen enttarnten Scharfschützen zu. Als er freie Sicht hatte, zog er seine Pistole.
Ein Schuss.
Mehr brauchte er nicht.
Währenddessen half Goran Mischka dabei, das Stand-MG wieder in Position zu bringen. Mischka legte sofort auf die Besatzung des Schützenpanzers an und feuerte.
Nichts. Alles vorbei.
Dann bewegte sich dieses Fleischding wieder.
Mehrere Tentakel schossen aus seiner Masse hervor – direkt auf den Psoklav, Liam und Rijad zu.
Liam reagierte gerade noch rechtzeitig. Ranken schossen hervor und fingen den Angriff ab.
Rijad hatte weniger Glück.
Einer der Tentakel traf ihn mit voller Wucht im Gesicht. Als er wieder hochkam, lief ihm bereits das Blut aus einer tiefen Platzwunde über das Gesicht.
Im selben Moment eröffnete die Besatzung des Schützenpanzers das Feuer auf unser MG-Nest. Mischka wurde von mehreren Kugeln getroffen. Er ging zu Boden.
Und Rijad?
Rijad stellte sich blutüberströmt vor dieses Tentakelmonster. Er fuhr sich mit der Hand durch die offene Wunde, sah das Blut an seinen Fingern und brüllte das Ding an:
„NOCH MAL ERWISCHST DU MICH NICHT, DU STÜCK FETT!“
Ich bin mir bis heute nicht sicher, ob das mutig oder einfach nur vollkommen wahnsinnig war.
Liam kümmerte sich währenddessen um den Psoklav und ließ eine dicke Schutzschicht aus Moos um ihn wachsen. Der Psoklav brauchte offenbar keinen Schutz. Er packte sich einen der Tentakel mit den Zähnen, biss hinein und riss einfach ein Stück davon heraus.
Max hatte sich inzwischen das Scharfschützengewehr geschnappt. Der Polizist half ihm dabei, die Besatzung des Schützenpanzers auszumachen, und Max begann, sie unter Beschuss zu nehmen.
Goran hatte derweil andere Sorgen. Mischka lag schwer verletzt am Boden.
Beim Versuch, ihn zu versorgen, stieß Goran das MG um. Das Ding ging dabei endgültig zu Bruch. Scheiß auf das MG.
Mischka lebte.
Das Monster griff erneut an. Wieder schossen diese widerlichen, fleischigen Tentakel hervor. Der Psoklav wand sich erstaunlich mühelos aus ihrer Reichweite.
Rijad nicht. Ein Tentakel wickelte sich um seinen Arm und riss ihn brutal nach hinten. Wir hörten den Knochen brechen.
Dann eröffnete die Besatzung des Schützenpanzers erneut das Feuer, diesmal auf Max und den Polizisten.
„Wir müssen die Position wechseln!“, rief der Polizist.
Der Psoklav sah zu Rijad. Dann sagte er etwas, das ziemlich deutlich machte, wie beschissen unsere Lage inzwischen war:
„Wir haben keine Minute mehr. Entweder wir haben ein modernes Vehicle oder wir gehen in den Bunker. Sie brennen alles nieder.“
Und damit war eigentlich alles gesagt.
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